Musik in St. Lamberti Oldenburg
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Müller / Schubert: Die Winterreise

Sonnabend, 21. Januar 2017, 17.00 Uhr

in einer Fassung für SPRECHER (Raimund Weßels), VIOLONCELLO (Christoph Rode) und KLAVIER (Charlotte Pfeiffer-Rode)

Eine Rückbesinnung auf die beiden gleichwertigen Teile „Musik“ und „Text“, die vielleicht ein Aufbrechen der für uns inzwischen fast unlösbaren Symbiose der beiden ermöglicht, eine neue Sicht auf den Text geben kann, eine neue Gewichtung der Musik zulässt.

Eintritt frei – Spenden erbeten



Rezensionen

Wilhelm Müller einmal vor Franz Schubert gestellt

Horst Hollmann in NWZ am 23.01.2017

Da summt doch jemand mit! Ganz fein fügt sich eine Frauenstimme in den Zuhörerreihen kurz in die Melodie des Cellos ein. „Doch an den Fensterscheiben, wer malte die Blätter da?“ müssten die Worte in dieser Passage der „Winterreise“ von Franz Schubert lauten. Doch im Lambertussaal wird am Samstag der berühmteste Liederzyklus nicht gesungen. Die Texte der 24 „schauerlichen Lieder“ von Wilhelm Müller (1794 – 1827) werden rezitiert, Schuberts Vertonungen als „Lieder ohne Worte“ dahinter gestellt.
Dieser unglücklich liebende Winterreisende dürfte der Verlassenste aller Menschen sein, ein Endzeitwanderer auf dem Weg in die Ausweglosigkeit. Doch der Zyklus ist so populär, dass der Saal an der Lambertikirche überfüllt ist – selbst bei diesem Experiment. Die Klavierpädagogin Charlotte Pfeiffer-Rode hat sich für diese Fassung engagiert. Raimund Weßels trägt die 24 Texte einzeln vor, der Cellist Christoph Rode und die Pianistin fügen Schuberts Musik an, sozusagen in einer schönen Baritonlage.
Zunächst rücken also die Texte in den Blickpunkt. Sie entstammen den „Sieben und Siebzig Gedichten aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten.“ Wilhelm Müller erwarb mit ihnen zu Lebzeiten nur den Ruf eines mittelmäßigen Romantikers.
Doch längst widerfährt dem Berliner Lehrer und Hofrat Genugtuung. Eine Lebenstragödie eingangs auf den Satz zu komprimieren: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“, zeugt von lebendiger Bildhaftigkeit seiner Sprache. Und aus seinen Volksliedern schimmert scharf formulierte Gesellschaftskritik hervor.

Rezitator Weßel bauscht die Entwicklungen, Gefühle und Resignationen nie auf. Die Erkenntnis: „Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück“, fügt er fast still dem Schluss im „Wegweiser“ an. Alles bedarf bei ihm keiner zusätzlichen Dramatisierung.

Cellist und Pianistin gestalten die vordergründigen Melodien und die hintergründigen Nebentöne trefflich in Schuberts Schlichtheit. Das Klavier nimmt sein Mitspracherecht wahr, bevormundet aber das Cello nicht. In dessen Ton schwingt immer jene Wärme mit, die Schubert selbst in der Trostlosigkeit der „Winterreise“ nicht verlöschen lässt.

Doch nach zwei Stunden stehen sich zwei Welten voneinander getrennt gegenüber. Dem schönen Klang fehlen trotz individueller dramatischer Gestaltungen die Ecken und Kanten der Sprache, die bestimmenden Silben, die leuchtenden oder verschatteten Vokale. Müller hat nicht von ungefähr gespürt, dass „ihm seine Lieder besser gefallen könnten, gäbe er auch Weisen von sich.“ Die Verschmelzung von Text und Musik macht eben die Einzigartigkeit der „Winterreise“ aus.

Doch das Experiment war höchst spannend und belebend.

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