Musik in St. Lamberti Oldenburg
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Hommage à Francis Poulenc

Sonnabend, 13. April 2024, 17.00 Uhr

oder: was eine Singer-Nähmaschine mit Poulencs Orgelkonzert zu tun hat

Er ist vielleicht der französischste aller Komponisten im Frankreich des 20. Jahrhunderts: Francis Poulenc wäre dieses Jahr 125 Jahre alt geworden.
In einem Komponistenporträt mit Skizzen, Bildern und Filmen zu Leben und Wirken Poulencs steht sein berühmtes Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauken im Mittelpunkt.
Sie hören die Sinfonietta Oldenburg (Konzertmeister: Elija La Bonté), Tobias Götting moderiert und spielt den Orgelpart.

Eintritt frei – Spenden erbeten



Rezensionen

Von der Loire in die Lambertikirche

Tobias Göttings persönliche Hommage an Francis Poulenc- Orgelkonzet in g-Moll

Horst Hollmann in NWZ am 15.04.2024

Wenn das Leben aus vielen kleinen und großen Geschichten besteht, dann hat die sakrale französische Musik für Tobias Götting eine sehr umfangreiche geschrieben. Mit einer Einladung: „Kommen Sie doch einfach mal vorbei!“ leitete sie ein tiefgreifendes Kapitel beim Kantor von St. Lamberti ein, wie er bei seiner „Hommage à Francis Poulenc“ in der sehr gut besuchten Kirche charmant plaudernd berichtet.

Das „Einfach-mal-Vorbeikommen“ hatte einen Haken. Die Einladung galt für Noizay an der Loire, ein paar Ecken von Oldenburg entfernt. Dort befindet sich der Familienlandsitz des von Götting verehrten Komponisten Francis Poulenc (1899 – 1963). Er hatte eine Aufnahme aus St. Lamberti vom hier mehrfach gespielten Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauken von Poulenc dorthin geschickt. Nichte Rosine Seringe, die Verwalterin des Nachlasses, lud den Oldenburger daraufhin zum Besuch ein. Götting absolvierte den Besuch 2010, mit Neugier und Ehrfurcht. Er durfte in Poulencs Schlafzimmer nächtigen, wo er prompt „kein Auge zugemacht hat.“ Er spielte respektvoll auf dem Pleyel-Flügel des Komponisten, fläzte weniger respektvoll auf dem Sofa im Salon.

Alles Erleben bildet die Grundlage für Göttings ausführliche und trotzdem kurzweiligen Anmerkungen und stellt das Orgelkonzert ins Zentrum. In einem Kurzfilm kommt Poulenc selbst zu Bild und humorigem Wort. Als sein Lehrer ihm vor dem Abitur andeutet, dass er versuchen werde, ihm beim Bestehen zu helfen, hat er geantwortet: „Das würde mir gut in den Kram passen.“

Geld spielte im Hause Poulenc keine Rolle; dahinter stand die Société Poulenc-Frères, die später in den Chemie- und Pharmakonzern Rhone-Poulenc aufging. Kapital im Überfluss hatte auch eine der größten Mäzeninnen der Musik. Deren Kunstverstand hielt die Balance zum profanen Vermögen. Winnaretta Singer-Polignac gab bei Poulenc auch jenes Orgelkonzert in Auftrag. „Winnie“ war eins von 24 Kindern des Großindustriellen Isaac Merrit-Singer, der mit der Entwicklung der Singer-Nähmaschine reich geworden war. Sie förderte Kunstlegenden wie Cocteau, Proust, Colette, Monet, Strawinski, de Falla, Ravel und andere.

Vier Jahre zog sich die Arbeit an dem Orgel-Opus hin. Poulenc machte sich immer wieder über das Spiel auf dem Solo-Instrument schlau. Sein Œuvre ist ohnehin von unterschiedlichsten Stilen auf dem Boden der Tonalität geprägt. Am Ende entstand das Werk, das der Komponist zu seinen besten zählte.

In der Aufführung durch Götting und der vorwiegend aus dem Staatsorchester gebildeten Sinfonietta Oldenburg mögen die hintergründigen Erzählungen nachgewirkt haben. Die sieben zusammengefassten Abschnitte erklingen ebenso mit Hochspannung wie ruppig virtuos und elegant locker. Sie schließen alle Eigenarten ein, von der spitzbübischen Burleske und der drehorgelartigen Straßenmusik in Paris bis zur religiösen Innigkeit und Erhabenheit. Götting sagt zu einer Passage: „Das ist sehr melancholisch, so, als ob man morgens aus einer Bar nach Hause geht, das könnte ich noch lange hören.“ Die Stimmung muss im Raum ebenso angekommen sein. Der herzliche Schlussbeifall verrät es.